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    Sei präsent: Warum Wahrnehmung der erste Schritt guter Improvisation ist

    Wer improvisieren will, muss zuerst wahrnehmen.

    Gerald Weber
    Gerald WeberGeschäftsführer, Schauspieler, Trainer, Coach

    Das klingt einfach, ist aber anspruchsvoller, als es scheint. Denn im Alltag reagieren wir oft nicht auf das, was tatsächlich passiert, sondern auf das, was wir erwarten, vermuten oder innerlich schon vorbereitet haben. Wir hören nicht wirklich zu, sondern warten auf unseren Einsatz. Wir sehen nicht, was sich verändert, sondern folgen unserem Plan. Wir übergehen Stimmungen, Widerstände oder Chancen, weil wir innerlich schon beim nächsten Punkt sind.

    Genau deshalb beginnt der Improzyklus mit einem scheinbar einfachen Satz: Sei präsent.

    Präsenz ist mehr als Aufmerksamkeit

    Präsenz bedeutet, wahrzunehmen, was gerade wirklich da ist.

    Das betrifft die Umgebung: Was passiert im Raum? Wie reagieren Menschen? Was verändert sich?

    Es betrifft das Gegenüber: Was wird gesagt? Wie wird es gesagt? Was schwingt mit?

    Und es betrifft einen selbst: Was löst die Situation in mir aus? Was irritiert mich? Wo spüre ich Spannung, Resonanz oder Unsicherheit?

    Präsenz ist damit nicht nur äussere Aufmerksamkeit. Sie ist auch eine Form innerer Offenheit.

    Gerade in Kommunikation und Führung ist das zentral. Wer präsent ist, merkt früher, wenn etwas kippt. Wer präsent ist, erkennt, wenn eine Reaktion anders ausfällt als erwartet. Wer präsent ist, spürt, ob ein Team bei einem Thema andockt, innerlich aussteigt oder Widerstand entwickelt.

    Warum Präsenz so oft fehlt

    Im Arbeitsalltag gibt es viele Gründe, nicht präsent zu sein.

    Menschen kommen aus einem Meeting ins nächste. Sie denken an offene To-dos. Sie planen ihre nächste Wortmeldung. Sie bereiten innerlich eine Antwort vor. Sie hängen gedanklich noch an einem Konflikt, einer Mail oder einer Entscheidung von vorher.

    Das ist normal. Es ist menschlich. Und genau deshalb ist Präsenz keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Kompetenz.

    Präsenz heisst nicht, immer in einem perfekten Flow-Zustand zu sein. Präsenz heisst, den eigenen Fokus immer wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen.

    Präsenz macht Überraschung überhaupt erst möglich

    Ein wichtiger Punkt am Improverständnis ist: Wer nicht präsent ist, nimmt oft nur wahr, was ohnehin schon erwartet wurde.

    Präsenz öffnet dagegen den Blick für das Unerwartete. Für die feine Irritation. Für die gute Idee, die noch unfertig ist. Für den Widerstand, der sich nicht direkt ausspricht. Für die Stimmung, die plötzlich kippt. Für die Chance, die nur sichtbar wird, wenn man nicht zu sehr am eigenen Plan klebt.

    Gerade deshalb ist Präsenz so zentral für Improvisation. Sie sorgt dafür, dass Menschen nicht nur reagieren, sondern auf die Realität reagieren.

    Zwei Formen von Präsenz

    Für die Praxis ist eine Unterscheidung besonders hilfreich: Präsenz kann fokussiert oder offen sein.

    Die eine Form ist ein Laserfokus. Die Aufmerksamkeit richtet sich sehr stark auf eine Person, eine Aussage oder eine Aufgabe. Diese Form ist wertvoll, wenn es darum geht, sehr genau zuzuhören oder eine konkrete Situation differenziert wahrzunehmen.

    Die andere Form ist ein Softfokus. Die Aufmerksamkeit ist breiter. Sie nimmt den Raum, die Atmosphäre und das Gesamtsystem mit wahr, ohne schon auf einen Punkt zu verengen. Diese Form ist besonders hilfreich in Gruppen, Moderationen, Workshops oder Führungssituationen.

    Gute Präsenz bedeutet nicht, immer nur die eine oder die andere Form zu nutzen. Gute Präsenz bedeutet, je nach Situation zwischen beiden wechseln zu können.

    Präsenz ist auch körperlich und intuitiv

    Präsenz ist nicht nur ein kognitiver Vorgang. Sie ist oft auch körperlich und intuitiv.

    Manchmal merkt man zuerst im Bauch, dass etwas nicht stimmt. Man spürt, dass etwas in der Luft liegt, bevor man es sauber benennen kann. Man nimmt Spannung, Irritation oder Veränderung wahr, noch bevor daraus ein klarer Gedanke wird.

    Diese Form der Wahrnehmung ist gerade in der Arbeit mit Menschen wichtig. Wer nur auf explizite Aussagen reagiert, reagiert oft spät. Wer auch Intuition und Körpersignale ernst nimmt, bekommt früher mit, was gerade wirklich passiert.

    Präsenz ist trainierbar — aber anstrengend

    Präsenz ist keine magische Eigenschaft, die manche Menschen haben und andere nicht. Sie ist trainierbar.

    Improvisation arbeitet deshalb mit Übungen, die Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit schulen: Impulsübungen, gemeinsames Zählen, Stehen und Laufen, körperliches Aktivieren, bewusstes Ankommen. Solche Übungen trainieren nicht nur Schnelligkeit, sondern vor allem Wahrnehmung.

    Gleichzeitig ist wichtig: Präsenz ist anstrengend. Niemand kann durchgehend maximal präsent sein. Es geht nicht darum, permanent in Hochspannung zu leben. Es geht darum, Präsenz gezielt herstellen, länger halten und bewusster wiederfinden zu können.

    Ein einfacher Praxistipp

    Ein sehr einfacher Kommunikationstipp lautet:

    Wiederhole innerlich den letzten Satz deines Gegenübers, bevor du antwortest.

    Das verlangsamt. Es erhöht die Chance, wirklich zuzuhören. Und es schützt davor, nur die eigene Gegenrede vorzubereiten.

    Für viele Gespräche ist das ein kleiner, aber wirksamer Hebel.

    Präsenz im Unternehmensalltag

    Im Business-Kontext ist Präsenz keine weiche Zusatzkompetenz, sondern oft der Unterschied zwischen Reaktion und Routine.

    Eine Führungskraft, die nur ihren Plan durchzieht, übersieht oft, was im Team wirklich los ist.

    Eine Moderation, die an ihrem Ablauf klebt, verliert möglicherweise den entscheidenden Moment im Raum.

    Ein Verkaufsgespräch ohne Präsenz verpasst Signale.

    Ein Meeting ohne Präsenz läuft sauber durch — und am eigentlichen Thema vorbei.

    Präsenz bedeutet nicht, alles zu kontrollieren. Präsenz bedeutet, in Beziehung zur Situation zu bleiben.

    Fazit

    Präsenz ist der erste Schritt des Improzyklus, weil ohne Wahrnehmung keine gute Improvisation möglich ist.

    Wer präsent ist, erkennt mehr.

    Wer mehr erkennt, reagiert passender.

    Wer passender reagiert, bleibt handlungsfähig.

    Oder einfacher gesagt:

    Präsenz heisst, wahrzunehmen, was gerade wirklich da ist — statt nur dem eigenen Plan zu folgen.

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