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    Erlaube dir und anderen zu scheitern: Warum Fehlertoleranz Entwicklung möglich macht

    Der dritte Schritt des Improzyklus ist oft der schwierigste.

    Gerald Weber
    Gerald WeberGeschäftsführer, Schauspieler, Trainer, Coach

    Viele Menschen wissen, dass Präsenz wichtig ist. Viele verstehen auch die Idee von „Ja genau und“. Und trotzdem passiert im entscheidenden Moment etwas anderes: Sie werden vorsichtig. Sie sichern sich ab. Sie sagen lieber nichts. Sie greifen auf Bekanntes zurück. Sie vermeiden das Risiko.

    Nicht weil sie unfähig wären, sondern weil die Angst vor Fehlern grösser ist als die Bereitschaft, zu handeln.

    Genau deshalb gehört zum Improzyklus der Satz:

    Erlaube dir und anderen zu scheitern.

    Es geht nicht darum, Fehler zu feiern

    Dieser Schritt wird leicht missverstanden.

    Gemeint ist nicht, Fehler absichtlich zu produzieren. Gemeint ist nicht, Sorgfalt aufzugeben. Gemeint ist nicht, Verantwortung kleinzureden.

    Gemeint ist: Mögliche Fehler dürfen kein Grund sein, nicht zu handeln.

    Ein Fehler ist dann nicht das Ende des Prozesses. Er ist etwas, auf das reagiert werden kann.

    In diesem Sinn wird aus einem Fehler kein Ideal, aber ein möglicher Lernschritt. Die Stärke guter Improvisation liegt nicht darin, fehlerfrei zu bleiben, sondern darin, nach Fehlern schnell wieder handlungsfähig zu werden.

    Warum Fehler vielen Erwachsenen so schwerfallen

    Viele Menschen sind stark auf Fehlervermeidung sozialisiert.

    Schule, Ausbildung und Beruf belohnen oft Korrektheit, Kontrolle und richtige Antworten. Originelle, unfertige oder riskante Beiträge werden deutlich seltener belohnt. Das ist in manchen Bereichen nachvollziehbar. Aber es hat Folgen.

    Wer früh lernt, dass Fehler peinlich, riskant oder sanktionierbar sind, entwickelt oft ein Schutzsystem:

    Lieber nicht anfangen.

    Lieber nichts riskieren.

    Lieber Bekanntes wiederholen.

    Lieber absichern als entwickeln.

    Für Kreativität, Lernen und lebendige Zusammenarbeit ist das fatal.

    Nicht jeder Fehler ist gleich

    Wichtig ist: Der Improzyklus unterscheidet zwischen verschiedenen Arten von Fehlern.

    Es gibt kleine, korrigierbare Fehler.

    Es gibt peinliche, aber folgenarme Fehler.

    Und es gibt gravierende, irreversible Fehler mit hoher Tragweite.

    Dieser Unterschied ist zentral.

    Wo Fehler tödlich, irreversibel oder nicht mehr korrigierbar wären, ist maximale Fehlervermeidung sinnvoll. In hochkritischen technischen oder medizinischen Kontexten braucht es Standards, Vorbereitung und Sorgfalt.

    Der Improzyklus ist dort nicht die Einladung zum Experiment.

    Er wird aber wieder relevant, wenn trotz bester Vorbereitung etwas Unerwartetes passiert. Dann hilft er, nicht zu erstarren, sondern wieder in Beobachtung, Reaktion und Handlung zu kommen.

    Warum Fehlertoleranz ein Kulturthema ist

    „Erlaube dir und anderen zu scheitern“ ist nicht nur eine innere Haltung. Es ist auch eine Frage des Rahmens.

    Menschen gehen nur dann ins Risiko, wenn sie eine Form von Sicherheit erleben. Nicht totale Sicherheit, aber zumindest die Erfahrung:

    Ich werde nicht sofort lächerlich gemacht.

    Ich werde nicht für jeden unfertigen Gedanken abgewertet.

    Ich darf probieren, ohne sofort sozial bestraft zu werden.

    Gerade hier entscheidet sich viel.

    Ein zynischer Kommentar.

    Ein spöttischer Blick.

    Ein abschätziges Abtun.

    Ein zu frühes Zerlegen einer Idee.

    All das kann reichen, um aus einem lernoffenen Raum einen Vermeidungsraum zu machen.

    Wo dagegen Respekt, Rettung und ernst gemeinte Offenheit vorhanden sind, steigt die Bereitschaft, etwas zu wagen.

    Rettung ist Teil des Rahmens

    Ein guter Lern- und Entwicklungsraum zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass Fehler theoretisch erlaubt sind. Er zeichnet sich auch dadurch aus, dass Menschen erlebt haben:

    Wenn ich ins Wanken gerate, kommt nicht sofort Härte, sondern Unterstützung.

    Das ist ein wichtiger Unterschied.

    Fehlertoleranz heisst nicht: Jeder bleibt mit seinem Misslingen allein.

    Fehlertoleranz heisst: Menschen dürfen sich exponieren, weil sie wissen, dass der Rahmen sie trägt.

    Gerade in Teams und Lernsettings ist das entscheidend.

    Der eigentliche Schaden entsteht oft durch Fehlervermeidung

    Ein paradoxer Punkt ist: Wer Fehler unbedingt vermeiden will, macht oft andere Fehler.

    Zu spätes Ansprechen.

    Zu frühes Bewerten.

    Zu wenig Risiko.

    Zu wenig Verantwortung.

    Zu wenig Entwicklung.

    Im Ergebnis wirkt das zwar kontrolliert, ist aber oft unproduktiver als ein Raum, in dem korrigierbare Fehler möglich sind.

    Entwicklung braucht die Fähigkeit, weiterzugehen

    Ein starker Gedanke des Improzyklus lautet:

    Nicht das Scheitern selbst ist entscheidend, sondern der Umgang damit.

    Menschen und Teams werden stärker, wenn sie nach einem Misslingen nicht lange in Selbstabwehr verharren, sondern schneller wieder in Wahrnehmung und Handlung kommen.

    Das gilt für die Bühne.

    Das gilt für Sport.

    Und das gilt für Organisationen.

    Erfolg bedeutet selten, immer alles richtig zu machen. Erfolg bedeutet oft, nach Rückschlägen schneller wieder klar, präsent und reaktiv zu werden.

    Warum dieser Schritt für Führung so zentral ist

    Im Arbeitsalltag prägt Führung stark, wie mit Fehlern umgegangen wird.

    Wer führt, gestaltet Rahmen:

    • Wird Unsicherheit bestraft oder bearbeitet?

    • Werden unfertige Ideen zerrissen oder weiterentwickelt?

    • Entsteht bei Fehlern sofort Abwehr oder zuerst Klärung?

    • Dürfen Menschen lernen oder müssen sie vor allem vermeiden?

    Gerade deshalb gehört zum Improzyklus nicht nur das dir, sondern ausdrücklich auch das anderen.

    Fehlertoleranz ist nie nur Privatsache. Sie ist immer auch Kulturarbeit.

    Fazit

    Ohne Fehlertoleranz bleiben Präsenz und „Ja genau und“ oft Theorie.

    Wer sich keinen Fehler erlauben darf, wird vorsichtiger.

    Wer anderen keinen Fehler erlaubt, macht Entwicklung enger.

    Wer Fehler nur als Ende sieht, verpasst die nächste Reaktion.

    Oder zugespitzt:

    Fehlertoleranz heisst nicht, Fehler zu suchen — sondern trotz möglicher Fehler in Entwicklung und Handlung zu bleiben.

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