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    Fünf Wochen, fünf Erkenntnisse: Impro in Chicago

    Björn Bongaards erzählt von seinem Summer Intensive am iO Theater in Chicago.

    Björn Bongaards
    Björn BongaardsSchauspieler, Trainer, Coach
    Fünf Wochen, fünf Erkenntnisse: Impro in Chicago

    Es gibt für mich kein Impro-Format, welches so komplex, irritierend und gleichzeitig so faszinierend und wunderschön ist wie der «Harold». Ich hatte das Glück, dieses Format schon früh in meiner Karriere kennenzulernen. Während meiner Zeit in der Masterclass 2016 brachte uns der heutige Geschäftsführer von anundpfirsich, Gerald Weber, den Harold bei. Aber ganz ehrlich: Ich habe es damals nicht gecheckt. Sorry Gerry!


    Das lag allerdings weniger an ihm als an meinem früheren Verständnis von Improvisationstheater und vor allem daran, was ich erreichen wollte. Ich wollte Erfolg. Und Erfolg bedeutete für mich damals, die Impro-Show Maestro™ zu gewinnen.


    Über die Jahre wurde ich eines Besseren belehrt. Die folgenden fünf Zitate aus meinem Impro Summer Intensive in Chicago wurden für mich zu fünf wichtigen Erkenntnissen darüber, warum der «Harold» so unglaublich cool ist.

    1. «Does that make sense?»

    Diesen Satz sagte unser Impro-Lehrer Bill Arnet in der ersten Woche jedes Mal, als er uns schrittweise an die Struktur des «Harolds» führte, oder wenn er uns nach Szenen seine Gedanken mitteilte.
    Die Intention des «Harolds» ist es, während des Stücks ein Thema zu finden und dies aus mehreren Perspektiven zu beleuchten. Das Format findet seinen Abschluss, wenn sich das Ende irgendwie wieder wie der Anfang anfühlt. Deshalb haben wir uns hauptsächlich den sogenannten «Openings» gewidmet. Dabei geht es um die Eröffnung des Stücks, die Inspiration für die später folgenden Szenen liefert. Dafür braucht es:

    • volle Aufmerksamkeit

    • 100 Prozent Hingabe

    • wildes, aber klares Assoziieren

    • Vertrauen in die eigenen Mitspieler:innen

      Sonst dreht sich Del Close* im Grab um.

    2. «The Answer is YES!»

    In der zweiten Woche brachte uns Lisa Burton, Ensemble-Mitglied des House Teams «Devil's Daughter» am iO Theater, die Group Games im Harold näher. Im Harold gibt es zwei Grup Games. Man kann sie sich als «Bridges» in einem Lied vorstellen. Die Idee ist es, bewusst den Rhythmus des Stücks zu unterbrechen, um mit der gesamten Gruppe etwas nicht Szenisches zu machen. Was das genau ist, ist im Grunde egal, und es wird vorher auch nicht abgesprochen und es soll organisch entstehen.
    Genau das stellte uns natürlich vor riesige Herausforderungen. Wir hatten unzählige Fragen: Also kann man…? Oder sollte man eher dieses oder jenes tun….? Was ist, wenn man…? Oder ist die Idee, dass…?

    Ihre Antwort war stets JA! Oder um es auf Amerikanisch zu sagen: «You can do whatever the fuck you want, as long as you agree.»

    3. «How are we feeling?»

    Es folgte die dritte Woche. Das Glanzstück ihres Kurrikulums! Jeden Tag spielten wir sechs bis sieben Stunden lang Szenen mit nur zwei Personen. Das klingt erstmal nicht besonders spektakulär. War es aber. Denn diese improvisierten Szenen waren essentiell für den ersten Beats des Harolds.

    Es gab klare Regeln: Die Szene durfte nicht verlassen werden. Niemand durfte von aussen dazukommen. Es durfte nicht editiert werden. Und wenn eine Person eine klassische Dienstleistungsbeziehung anbot, bekam sie ziemlich schnell zu hören, dass das keine besonders spannende Idee war.

    Die Szenen sollten echt und authentisch improvisiert sein. Die Beziehung der Figuren steht im Vordergrund. Unser Impro-Lehrer James Dougan war hervorragend darin, uns dorthin zu coachen. Immer wieder unterbrach er Szenen und fragte: «How are we feeling?» Wie fühlt sich diese Figur gerade? Wir sollten genau dieses Gefühl steigern, so sagte Dougan: «Life is 90% boring, we want to play the 10%» sagte er oft. Diese Szenen gelingen am besten wenn man folgendes beachtet:
    «Kennt und kümmert euch» und «Lasst euch emotional berühren».

    4. «I don’t know where you are going with this… but we have to move on»

    Diesen Satz sagte unser Lehrer – den Namen lasse ich hier bewusst weg – in der vierten Woche zu einer Impro-Spielerin aus meiner Gruppe, als sie versuchte, den Harold auf einem Whiteboard zu visualisieren. Nicht gerade die feine Art, wie ich finde. Darum hat meine vierte Erkenntnis nichts mit Impro oder dem Harold zu tun, sondern mit dem Umgang als Impro-Lehrer:in mit den Teilnehmenden. Als Improtheater-Vermittler:innen sollten wir stets ein Auge darauf haben, wie es den Teilnehmenden geht und wenn immer möglich auch einchecken, um allenfalls Spannungen aufzufangen.
    Ich empfehle das iO Theater Chicago sehr gerne weiter! Du solltest dir jedoch bewusst sein, dass dort davon ausgegangen wird, mit motivierten und ambitionierten Improspieler:innen zu arbeiten. Wer Impro einfach mal gerne ausprobieren, dabei sanft Schritt für Schritt an die Philosophie und Technik herangeführt werden möchte, kommt besser zu einem Improbasics 1 Impro-Kurs beim anundpfirsich.

    5. «Look at each other»

    Nun aber zurück nach Chicago und in die fünfte und letzte Woche. Eric Pena hatte die schwierige Aufgabe, eine müde und durchgerüttelte Klasse an die Abschlussshow zu führen.
    Ein letztes Mal nahmen wir das Impro-Format Harold Stück für Stück auseinander, repetierten und sammelten unzählige Meilen.
    Am letzten Nachmittag ging es jedoch nur um den Spirit. Eric gab uns hauptsächlich positives Feedback und auch wir durften uns schöne Dinge sagen, was wir aneinander schätzen. Als die Show dann wenige Minuten bevorstand, nahmen wir alle zusammen nochmals Blickkontakt auf, denn: Die Inspiration lässt sich immer bei den Mitspielenden finden und weniger bei sich selbst.

    *Del Close (1934–1999) war ein prägender US-amerikanischer Improvisationslehrer, Komiker und Regisseur. Er entwickelte das Improvisatationsformat «Harold».

    Du hast Lust auf (mehr) Impro bekommen? Hier geht’s zu unseren Impro Basic-Kursen und hier zu den Spezial Impro-Kursen. Björn sowie weitere Spieler:innen aus dem anundpfirsich Ensemble kannst du live auf unserer Bühne im Theater im Zollhaus erleben.

    Anhänge

    harold_erklärt_aup.pdf

    935.7 KB

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